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Ludwig Thoma

Pistole oder Säbel?
Kongreß des satisfaktionsfähigen Deutschlands

Als Deligierte sind erschienen:

Oberstaatsanwalt Schlumpke,
  Franconiae Nassoviae,
Gesandtschaftsrat von Wulkenow,
  Borussiae,
Geheimer Justizrat Behrke,
  Saxoniae.
Von Seite der Korps,
die Alten Herren
Erbprinz Gottlieb Udo,
Graf Rumps auf Rülpsen,
  beide Saxo-Borussiae,
von Bonekamp,
  Saxoniae.
Ferner die Aktiven
Konsistorialrat Käsebier,
  Arminiae,
Pfarrer Schmorkohl,
  Bubenruthiae,
Pfarrer Liebetraut,
  Germaniae.
Von Seite der Burschenschaften,
die Alten Herren
Susemihl,
  Arminiae,
Bärmann,
  Bubenruthiae,
Mathes,
  Teutoniae.
Ferner die Aktiven
Rule von Rulenstein,
  Generalmajor,
von Köchern,
  Oberst.
Von Seite
des Offizierskorps

von Wulkenow: Ich eröffne die Sitzung und erteile dem Referenten, Herrn Geheimen Justizrat Behrke das Wort.

Konsistorialrat Käsebier: Wollen wir nicht zuerst ein Gebet sprechen, daß Anfang, Mitt' und Ende der Herr zum besten wende?

Graf Rumps auf Rülpsen: Is nich nötig.

Erbprinz Gottlieb Udo: Mein Papa hat tesagt ...

Oberstaatsanwalt Schlumpke: Wir können uns nicht prinzipiell ablehnend verhalten. Das Gebet gehört mit zum andern. Aber wir wollen es schweigend abmachen, da der Text wohl nicht gleichlautend ist.

Rule von Rulenstein: Man los!

Gebetspause

von Bonekamp: Fertig! Von unsrer Seite aus kann's weitergehen.

Geheimer Justizrat Behrke: Meine Herren! Es ist eine wichtige Frage, die heute unserer Erwägung obliegt: eine Kulturfrage. Sie lautet kurz zusammengefaßt: Pistole oder Säbel?

Graf Rumps auf Rülpsen: Schlagen oder knipsen!

Erbprinz Gottlieb Udo: Schladen oder tnipsen.

Geheimer Justizrat Behrke: Gewiß, Hoheit! Und bevor wir in die Details gehen, darf ich einen Satz wohl mit Stolz voranstellen: In der Sache sind wir uns einig; wir alle anerkennen die harte, aber edle Notwendigkeit des Duells, das in seiner letzten Konsequenz doch nichts anderes ist als eine Blüte der höchsten Gesellschaftsmoral.

Allgemeines Bravo! Die Offiziere stoßen mit den Säbeln auf den Boden.

Geheimer Justizrat Behrke: Nun, meine Herren, kommen wir auf das ›Wie‹. Wie geben wir Satisfaktion? In der Studentenschaft macht sich eine mächtige Bewegung bemerkbar für die blanke Waffe. Sie soll die heimtückische Pistole verdrängen, welche ich eine Zufallswaffe nennen möchte. Allein wir wissen recht wohl, daß wir nichts tun können ohne Übereinstimmung mit dem Offizierskorps. Die Studentenschaft und das Offizierskorps, diese beiden Träger der nationalen Kultur, der nationalen Ehre müssen hier einig gehen. Über die letzte und höchste Äußerung der uns gemeinsamen Bildung darf es keinen Streit geben. Wir Studenten, alte und junge, wollen den Säbel, aber nur im Einklange mit den Trägern des Portepees.

von Wulkenow: Ich bitte Herrn Generalmajor von Rulenstein, das Wort zu ergreifen.

Konsistorialrat Käsebier: Gestatten Sie eine Bemerkung.

von Wulkenow: Aber ...

Konsistorialrat Käsebier: Nur zwei Worte! Vielleicht ist dann alles Weitere überflüssig. Geliebte Brüder im Herrn! Sollen wir nicht den Zufall, nein! die göttliche Fügung preisen, die uns hier zusammengeführt hat? Sollen wir nicht darin die Mahnung erblicken, unsere Herzen zu prüfen, ob es nicht möglich ist, einträchtig im Frieden nebeneinander zu wohnen? Nach Gotteswort und ohne Blutvergießen?

Alle schreien: Nein! Ach was! Murren.

Oberstaatsanwalt Schlumpke: Aber lieber, verehrter Konsistorialrat! Das ist doch wahrhaftig nicht am Platze ...

Konsistorialrat Käsebier: Ich dachte an Gottes Gebot: Du sollst nicht töten.

Oberstaatsanwalt Schlumpke: Hören Sie mal! Ich bin Staatsanwalt. Gebote oder Gesetze, darüber habe ich zu wachen. Aber ich sage, es gibt Gesetze, die man hält, oder man ist Kanaille, und Gesetze, die man bricht, oder man ist Kanaille.

Stürmisches Bravo.

Generalmajor von Rulenstein: Ich habe eine Erklärung abzugeben.

von Wulkenow: Herr Generalmajor von Rulenstein hat das Wort.

Generalmajor von Rulenstein: Wenn hier, in dieser Versammlung, jemand ist, der gegen unbedingte Satisfaktion spricht, habe ich als Offizier das Lokal zu verlassen.

von Wulkenow: Ich glaube sagen zu dürfen, ein solcher Mensch ist nicht hier.

Susemihl, Arminiae: Herr Konsistorialrat Käsebier ist ein Armine!

Konsistorialrat Käsebier: Meine Herren! Mißverstehen Sie mich nicht, wenn ich einer Amtspflicht genügte. Wenn ihr alle dagegen seid, so ist es wohl Gottes Wille.

Generalmajor von Rulenstein: Die Erklärung genügt mir. Und nun, meine Herren, wenn ich das Wort habe, will ich Sie zu allererst darauf verweisen, daß eine hohe Persönlichkeit unter uns weilt, welche unsern beiden Ständen die Ehre der Angehörigkeit erweist. Es ist unsere Pflicht, die Meinung Seiner Hoheit vor allem zu hören.

Bravo! Gewiß!

von Wulkenow: Darf ich Euer Hoheit untertänigst einladen, sich geneigtest zu erklären?

Erbprinz Gottlieb Udo: Papa het tesagt, daß man dar tein Duell nicht machen darf. Aber Papa hat auch tesagt, er mag danich Menschen leiden, die tein Duell machen. Und Papa hat Gottlieb Udo teschickt zu Leuten, die immer Duell machen.

Aber Gottlieb Udo darf tein Duell machen.

Ehrfuchtsvolles Schweigen.

von Wulkenow: Hoheit, genehmigen unsern untertänigsten Dank zu Füßen zu legen für die bündige Erklärung, die unsern Standpunkt sanktioniert.

Oberstaatsanwalt Schlumpke: Da haben Sie die allerhöchste Meinung, Herr Konsistorialrat. Gesetz übertreten – strafbar – nicht übertreten – ehrlos.

von Wulkenow: Wir entfernen uns vom Thema. Ich bitte Herrn Generalmajor von Rulenstein, uns den Standpunkt des Offizierskorps zur Säbelfrage klarlegen zu wollen.

Generalmajor von Rulenstein: Ich werde kurz sein. Die Ehre ist ein ganzes, das Duell auch. Nehmen Sie etwas, fällt alles. Der stolze Bau, den unser Ehrenkodex vorstellt, besteht in Schlagen und Schießen. Keinen Stein aus diesem Bau! Wir knallen, nach wie vor.

Pfarrer Schmorkohl: Wir gedachten, daß durch die Säbelmensur eine Milderung ermöglicht wäre, und das wäre doch im christlichen Sinne gehandelt.

von Köchern: Mildern heiß schwächen. Wir knallen.

Pfarrer Liebetraut: Darf ich auch meine schwache Stimme erheben? Gerade wir im geistlichen Stande verspüren es hart, daß sich im Volke immer mehr Abneigung gegen das Duell geltend macht. Der tödliche Ausgang eines solchen ruft stets neue Erbitterung hervor, und es kommt zu heftigsten Anklagen gegen Thron und Altar, gegen alles Heiligste.

Oberstaatsanwalt Schlumpke: Herr Pfarrer, mit solchen Gesichtspunkten wollen Sie uns nicht kommen. Das verehrte arbeitende Volk hat endlich einmal einzusehen, daß seine Ehre mit Schweiß, die unsere mit Blut aufrechterhalten wird.

Stürmische, anhaltende Bravorufe.

Pfarrer Schmorkohl: Aber ...

von Wulkenow: Keine Debatte darüber! Es ist doch wirklich unnötig zu sagen, daß wir unsere Ehre nicht in der Arbeit suchen. Das überlassen wir andern.

Erbprinz Gottlieb Udo: Die andern sind Elende. Wir passen darnich auf. Papa hat es auch tesagt. Dute Menschen müssen Duell machen. Aber Gottlieb Udo darf tein Duell machen.

von Wulkenow: Ich glaube, daß für weitere Verhandlungen keine Basis vorhanden ist.

Erbprinz Gottlieb Udo: Darf ich meine Ehre nicht mit Blut machen? Muß Gottlieb Udo seine Ehre mit Schweiß machen?

Oberstaatsanwalt Schlumpke: Hoheit, keines von beiden. Hoheit stehen über der Ehre.

von Wulkenow: Pardon! Ich wiederhole, daß weitere Verhandlungen nach der bestimmten Erklärung unseres verehrten Herrn Generalmajors keinen Zweck haben. Es liegt uns ferne, Differenzen herbeizuführen. Wenn das Offizierskorps die Pistole nicht entbehren kann, fügen wir uns.

Konsistorialrat Käsebier: Der Herr wird auch künftig alles zum Guten führen.

Oberstaatsanwalt Schlumpke: Ich möchte noch eins sagen. Ich möchte den jungen Studenten danken, daß sie ihre ganze Kraft auf diese Fragen geworfen haben, und ich möchte sie ermahnen, weiterzufahren in diesem edeln Streben.

Generalmajor von Rulenstein: Meine Herren! Der Kongreß verlief durchaus nicht resultatlos. Im Gegenteil, er hat so recht gezeigt, wie einig wir in der Hauptsache sind. Und das ist ein großes, erfreuliches Resultat.

Lebhafte Bravorufe.

von Wulkenow: Meine Herren! Wir können diese Versammlung nicht erhebender schließen, als wenn wir rufen, der Großherzog von Gerolstein und sein erlauchter Sohn, der in unserer Mitte weilt, hurra! hurra! hurra!

Alle anwesenden brüllen hurra. Vor der Tür erhebt sich Lärm, der immer stärker anwächst.

von Wulkenow: Was ist das?

Einige Arbeiter dringen zur Türe herein.

Ein Arbeiter: Wir haben gehört, daß hier eine Versammlung ist. Helft uns! Wir haben Hunger!

Viele Arbeiter: Brot! Brot!

Oberstaatsanwalt Schlumpke donnernd: Ruhe! Hinaus!

von Wulkenow: Wir haben etwas Wichtigeres zu tun und wollen in unserer Arbeit nicht gestört sein.

Konsistorialrat Käsebier: Geht nach Hause, Kinder! Geht nach Hause! Betet und arbeitet!

Pfarrer Schmorkohl: Und liebet Eure Nächsten, wie euch selbst!

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