Mit freundlicher Genehmigung des Verlags
Dr. Ernst Hauswedell & Co., Stuttgart
(Originalausgabe)
[Beachten Sie bitte den Urheberrechtshinweis.]
François Villon
Nachdichtungen von Ernst Stimmel
Inhalt
[Die Sammlung ist unvollständig, wird in unregelmäßigen Abständen erweitert.]
Gute Lehre für verlorene Kinder
Liebe Kinder, ihr verziert
Euren Hut mit Band und Knoten,
Aber was ihr auch berührt –
Wird zu Schmutz in euren Pfoten!
Wollt ihr drum auf Montpipeau
Oder auf Ruel euch stürzen,
Denkt an Colin de Cayeau –
Laßt euch nicht den Hals verkürzen!
Harmlos ist nicht, was ihr spielt,
Leib und Seele müßt ihr geben,
Ob ihr auch zum Kreuze schielt –
Wer verspielt, verwirkt sein Leben!
Auch dem Sieger lächelt nicht
Dido von Karthago, solche
»Taten« haben kein Gewicht –
Merkt euch das, ihr Strolche!
Eins' noch, eh ihr euch verlort:
Wißt, daß man ein Faß voll Reben
Leert sobald es angebohrt –
Darin liegt die Lehre eben!
Habt ihr Geld – in e i n e m Sitz
Werft ihr's fort, es los zu werden!
Kinder, merkt ihr nicht den Witz? –
Unrecht Gut macht nur Beschwerden!
Ballade vom vogelfreien Dichter
Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle;
Ich heiß wie Glut – mir zittert Zahn um Zahn.
Frostklappernd sitz ich an der Feuerstelle,
In meinem Vaterland ein fremder Mann.
Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan,
Lach ich in Tränen, hoffe voller Leid
Und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit,
Ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann,
Und meine Not ist meine Seligkeit –
Ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts ist mir sicher als das Nie-Gewisse,
Und dunkel nur, was allen andern klar;
Und fraglich nichts als das für sie Gewisse,
Denn nur der Zufall meint es mit mir wahr.
Gewinner stets, verspiel ich immerdar.
Mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut!
Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut,
Bin reich ich, der ich nichts verlieren kann,
Und hoff auf Erbschaft – ich ein rechtlos Blut –,
Ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren
Nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist.
Wer auf mich schimpft, tut mir die größten Ehren;
der wahrste ist, der mich mit Lügen speist.
Mein Freund ist, wer mir klipp und klar beweist:
Ein grauer Kater ist ein bunter Pfau.
Und wer mir schadet, lehrt mich – Du, dem trau.
Wahrheit, Lug, Trug, mir alles eins fortan;
Begreif ich's nicht, behalt ich's doch genau –
Ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Wollt ihr, o gütiger Fürst, zur Kenntnis nehmen,
Daß ich unwissend viel verstehen kann;
Gesetze hassend, laß ich mich doch zähmen.
Was bitt ich noch? – Mit Gunst mich zu beschämen,
Mich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Ballade von den Leiden im Kerker
Habt Mitleid, ihr Leute, habt Mitleid mit mir!
So helft mir doch, wenigstens i h r, Kameraden!
In einem Loch ohne Lager verfaul ich hier,
In Nacht verbannt und verdammt wie ein Tier
Von Gott und Fortuna – ein räudiges Tier! –
Ihr Mädchen, Geliebte, vom Schauspiel ihr,
Gesellen, Tänzer und Akrobaten,
Ihr werft das Bein bis zur Turmspitze schier,
Geschwind wie ein Pfeil im luft'gen Revier,
Mit Stimmen wie Glöckchen im Sonnenrevier! –
So laßt ihr vermodern den armen Villon?
Ihr Sänger, die ihr so fröhlich singt,
Was sollen euch harte Gesetze kümmern?
Ihr Burschen, in Worten und Taten beschwingt,
Ihr, denen kein Sou im Hosensack springt –
Ob ihr ihn noch lebend ans Tageslicht bringt?
Verdrechsler, die ihr euch für Liebe verdingt,
Den Toten könnt ihr in Rondos bewimmern!
Er schmachtet so tief, wo das Leben verklingt,
Kein Blitz noch Donner zu ihm dringt
Und Mauerfels ihn wie Panzer umschlingt!
So laßt ihr vermodern den armen Villon?
Hört nur, wie er aus dem Kerker schreit,
Ihr weder Pfaffen- noch Fürstenknechte,
Von Paragraphen und Pflichten befreit,
Die ihr nur Gottes Untertan seid!
Villon muß fasten zu jeder Zeit,
Wie Rechen sind seine Zähne breit,
Weil seine gequälten Därme schwächte
Verschimmeltes Brot und die Einsamkeit
Und stinkendes Wasser! – Ihr lieben, verzeiht,
Die nackte Erde ist Tisch ihm und Kleid! –
So laßt ihr vermodern den armen Villon?
Ihr Diebesfürsten, Kumpane alt und neu:
Des Königs Gnade schafft mir! Eilt herbei,
Entführt in einem Korb mich! Macht mich frei!
Rennt nicht wie Schweine fort bei einer Sau Geschrei!
Laßt nicht vermodern den armen Villon!
Ballade von der Unkenntnis des eigenen Ich
Ich kenn der Fliege Qual im Honigtopf,
Den Menschen kenne ich schon am Gewand,
Die Sonne kenn ich, weiß wie Regen klopft,
Und nach der Frucht bestimme ich das Land.
Jedweden Baum erkenne ich am Saft
Wie an der Menge stets nur e i n Gesicht,
Ich kenn den Frondienst und der Ruhe Kraft,
Ich kenne alles – nur mich selber nicht.
Den Schnitt der Jacke zeigt der Kragen recht,
An seiner Kutte kenne ich den Abt,
Den Herrn erkenne ich an seinem Knecht,
Die Nonne – welcher Schleier sie verkappt;
Die Diebessprache kenn ich insgeheim,
Weiß um den Narren für ein Naschgericht,
An seinem Faß erkenne ich den Wein,
Ich kenne alles – nur mich selber nicht.
Das Maultier kenne ich und kenn das Pferd,
Erkenne ihre Not an ihrer Last,
Ich weiß, was Jeanne und Isabell beschwert,
Die falschen Würfel kenn ich im Palast;
Ich kenn den Traum der Nacht, des Lichts Vision,
Ich kenne der Hussiten Strafgericht
Und kenne nicht zuletzt die Macht von Rom,
Ich kenne alles – nur mich selber nicht.
O Herr, was noch? – was ist mir nicht bekannt?
Das Siechtum und des Lebens buntes Band,
Den Tod, der alles auflöst – den Verzicht,
Ich kenne alles – nur mich selber nicht.
Ballade für seinen Anwalt Garnier
Was sagt Ihr, Garnier, zu meinem Appell?
War's Wahnsinn oder tat ich recht?
Ein jedes Tier verteidigt sein Fell,
wenn man es fesseln und töten möcht!
Es zerrt und strampelt ohne Maß! –
Als man zum Jux beim Stadtverwalter
Das Todesurteil mir verlas –
War da die Zeit, das Maul zu halten?
Wär ich ein Nachfahr von Hugo Capet,
Der, wie bekannt, von Fleischern stammt,
Man hätte mich nicht im Schlachthofkarree,
Durch Lumpen – Wasser zu saufen, verdammt!
Versteht Ihr, Garnier, noch einen Spaß?
Als mir fragwüdige Gestalten
So schwere Pein zufügten – was?
War da die Zeit, das Maul zu halten?
Und hätt' ich unter meinem Hut
Zum Philosophieren nicht mehr Verstand
Als: Ich appellier! – zu schrein, war's gut,
Zu appellieren kurzerhand!
Als man mich »kund und wissen« ließ: –
(Anhand des Protokolles Spalten)
»Ihr werdet hängen!« – sagt mir dies:
War da die Zeit, das Maul zu halten?
Wär ich am Pips erkrankt, Garnier,
Mein Leichnam würd bereits erkalten
Am Galgen mir erfrornem Zeh,
Wie Landstreicher erfriern im Schnee! –
Sagt, war es Zeit, das Maul zu halten?